Montag, 4. Oktober 2010

Fin de Semana Cidiano

Endlich passiert auch mal was in Burgos! Bei dem, was ich von Fiestas aus Valladolid, Murcia und Santiago gehört habe, habe ich mich schon gefragt, ob es letztendlich doch ein Fehler war, den Erasmus-Platz zu tauschen. Burgos ist zwar schön, aber wirkte auf mich bisher eher verschlafen (wenn man Alternativen zu Erasmus-Partys und allgemeinen Besäufnissen sucht), weil die Fiestas hier im Juni sind. Dieses Wochenende war aber ein Event, das gänzlich dem Cid und seiner Zeit gewidmet war. Das heißt Mittelaltermarkt, Ritter-Turnier, Paraden und Theaterstücke. Und ich hätte das fast nicht mitbekommen, wenn ich am Freitag nicht gesehen hätte, dass auf dem Paseo de Espolón Fahnen aufgehängt wurden und Dokia uns nicht gesagt hätte, wofür die Fahnen sind!
Samstag Vormittag ging es um 12 mit einer Parade los. Ich hatte beschlossen, sie am Endpunkt (dem Arco de Santa María) in Empfang zu nehmen, weil da auch der Mittelaltermarkt und das ganze Wochenende eröffnet werden sollte. Kurz vor eins kam die Parade an: kleine Mädchen, die als Prinzessinnen verkleidet waren, Hofdamen, Ritter und Pagen. Ein Mann hat einen Blinden gespielt und ist gegen einen Tisch gelaufen, weil der junge Mann, der ihre führen sollte, ihn im Stich gelassen hatte. Der Blindenführer hat dann gleich einen drüber bekommen. ;-) Es waren zwei Musikgruppen dabei, Fußsoldaten und zum Schluss Ritter auf Pferden.

Oben auf dem Balkon des Arco de Santa María standen zwei Ritter, zwei Fanfaren-Bläser und ein Mann, der nach den Fanfaren eine kurze Biographie vom Cid gab, seine internationale Bedeutung unterstrich und schließlich das zweite Cid-Wochenende für eröffnet erklärte.


Danach führte eine Gruppe einen kleinen Tanz auf, aber die meisten Leute strömten auf den Mittelaltermarkt. Es gibt sicher größere und welche, bei denen die Leute besser verkleidet sind, aber für mich war der Markt hier schon eine Explosion der Eindrücke. Je nach dem, an welchem Stand man vorbei ging, roch es nach Seife, Wurst, Schafskäse, Brot, Räucherstäbchen oder Gewürzen. Das, was zum Verkauf angeboten wird, ist fast genauso vielfältig wie die Zeit, in der es erfunden wurde. Neben dem obligatorischen (Silber-)Schmuck, Lebensmitteln. Ton- und Holzwaren für den Haushalt und Waffen wurden nämlich auch Diabolos, Schleichtiere und -ritter, Plastikhexen, modernes und "altes" Holzspielzeug, fleischfressende Pflanzen und CDs (allerdings mit mittelalterlicher Musik) verkauft. Der schönste Anachronismus war ein Schild mit der Aufschrift, dass Kreditkarten akzeptiert würden.

Es gab auch eine Wahrsagerin, María Carmen, die ihre Tarotkarten für läppische 20€ für das ganze Jahr und für 5€ zu einem bestimmten Thema legte (Nein, ich habe keine 15€ für die Fragen, die mich gerade am meisten bewegen, bezahlt ;-)), einen Mann, der die Namen der Leute auf Arabisch schreibt (der in Granada hat das aber schöner gemacht!), Straßenmusikanten, ein Holzkarussell, das ein Mann mit den Füßen (wie ein Fahrrad) bewegte, und Eselreiten für die Kinder. Die Kostümierungen der Marktleute war unterschiedlich gut und reichte von überzeugend (wenn auch die Frisur stimmig schien) über Hippie bis zu eher Sträflingskluft.
Die negativsten Beispiele waren für mich einmal ein Mann in einem gestreiften Gewand, dass so aussah, als wäre es morgen noch aus einem Bettbezug genäht worden, und ein Mann mit einem hellen Hemd und einer giftgrünen Leggins... Also, ich muss doch sehr bitten, sogar Robin Hood trug eher gedeckte Farben!
Am authentischsten sehen die älteren Menschen in ihren Kostümen aus. Denn ein grauer Bart oder erste Falten im Gesicht spiegeln den harten Alltag im Mittelalter gut wider. Man konnte aber auch - wie eine Frau, die nicht zu den Marktleute gehörte, perfekt demonstriert hat - sein peinliches Jäckchen mit silbrigen Pailletten rauskramen und so tun, als sei es ein Kettenhemd. :-P Ich habe auch einen Priester in schwarzer Sutane gesehen, aber ich habe ihn nicht gefragt, ob er immer so rum läuft oder ob es nur ein Kostüm ist. Im ersten Fall hätte er es mir vielleicht übel genommen, wenn ich es für ein Kostüm gehalten hätte. Ich glaube aber, dass auch er verkleidet war.

Um 18 Uhr wurde am Ufer des Arlanzón ein Ritter-Turnier veranstaltet. Leider war ich etwas spät da und war zuerst zwar fast über dem Turnierplatz, aber konnte nichts sehen, weil die Leute vor mir, die Mauer mit dem Geländer blockierten. Ich bin dann nach der Hälfte oder so weiter gegangen und habe einen Platz gefunden, der zwar weiter weg war, aber von wo aus ich besser sehen konnte. Es sind zwei Mannschaften gegeneinander angetreten. Sie mussten im Galopp Ringe von einem Band abreißen, Salatköpfe mit dem Schwert erledigen, Speere werfen und natürlich tjosten. In einem Team hat auch eine junge Frau mitgekämpft. Klar, dass ich schon aufgrund der weiblichen Unterstützung für deren Mannschaft war. ;-) Aber das wäre den Ritter früher sicher nicht in die Tüte gekommen! Nachdem das rote Team gewonne hatte, sind die Ritter eine Ehrenrunde geritten und haben dann die Pferde direkt in den Fluss gelenkt. Das war auf jeden Fall ein klasse Effekt und so konnte ich sie auch mal von etwas näher sehen. Ich bin oberhalb des Flusses lang gelaufen und habe die Ritter nochmal getroffen, als sie vom Fluss hochkamen.



Für 22 Uhr war ein Fackelzug angesetzt. Die Zeit bis dahin habe ich auf dem Mittelaltermarkt verbracht. Ich habe da was zu Abend gegessen und mir einen Kranz aus getrockneten (und teilweise auch Plastik-) Blumen gekauft. Ja, ich habe mich an dem Abend etwas als Fee gefühlt... Lasst mich doch.


Der Fackellauf war dann auch gut. Anders als ich gedacht hatte. Sehr ruhig, fast feierlich. Ich nehme an, dass er in Gedanken an die Verbannung des Cid abgehalten wurden. Es wirkte so als würde ein ganzer Hofstaat sich nachts auf den Weg machen.



Ein bisschen hat mich der Fackelzug auch an den Herrn der Ringe bzw. den Hobbit erinnert. Ich sehe schon, dass einige von euch die Augen verdrehen, aber mal im Ernst: Wer würde bei dieser moosgrünen Kapuze nicht Tolkiens wunderbare Welt denken?


Am Sonntag war in der Kathedrale eine Messe, für den Cid. Es war so voll, dass längst nicht alle Leute in den Coro gepasst haben (Es muss ein sehr intelligenter Mensch gewesen sein, der diesen Kasten in den spanischen Kathedralen erfunden hat...). Dafür würde das, was am Altar passierte, auf kleine Fernseher an den Säulen übertragen. Der Gottesdienst war nicht schlecht, wir durften zwar nicht singen (ich kenne ja auch keine spanischen Lieder), dafür hat ein Chor gesungen, der nur bei "Hail holy Queen" ("Sister Act") etwas schwächelte - sowohl Gesangestechnisch als die Englischkenntnisse betreffend. Mir ist während der Messe klar geworden, dass ich bis Weihnachten noch auf jeden Fall das spanische Vater unser und das spanische Glaubensbekenntnis auswendig lernen muss. Vor allem beim Glaubensbekenntnis scheinen die hier mehr Inhalt zu haben. Ich war mit dem deutschen schon beim Heiligen Geist, als die gerade bei Jesus angekommen waren... Am Ende der Messe wurde ein Blumenstrauß auf das Grab vom Cid gelegt und drei "Ritter" haben da noch Wache gestanden.


Als ich aus der Kathedrale kam, hat der Wind mich fast umgeweht. Und als ich über den Markt gegangen bin, fing es an zu regnen. Ich bin erstmal zurück in die WG gegangen und bin nachmittags noch mal in die Stadt gegangen. Der Regen war vorbei, aber die Stimmung war irgendwie nicht mehr da. Es hatten zwar nur wenige Stände auf dem Mittelaltermarkt zu gemacht, aber die wenigsten hatten sich auf mittelalterliche Art gegen die Kälte geschützt. Die meisten hatten Fleecejacken über ihren Kostümen an (manche auch drunter) und einige hatten ihre Kostüme ganz eingetauscht. Hinter einen Stand saß ein unmotivierter Teenager, der ein tragbares Radio dabei hatte. Das hätte es Samstag sicher auch nicht gegeben. Einige Händler haben sich aber schon viel Mühe gegeben, weiterhin das Mittelalter-Stimmung zu verbreiten, auch wenn das eine Troubadour-Paar sich unter ein Dach stellen musste, damit die Instrumente nicht nass wurden. Ich habe auch viel zu viel Geld auf dem Markt gelassen und mir ein paar Ohrringe, eine Kette und ein Armband gekauft. Na ja, man gönnt sich ja sonst nichts.
Trotzdem war es etwas deprimierend auf dem Markt. Die Stimmung war eine völlig andere. Alles war ruhiger. Das einzig Gute war, dass nicht mehr so viel Menschen auf den Markt waren. Aber die eine Veranstaltung, die noch hätte stattfinden sollte, fand anscheinend nicht statt. Ich bin dann auch früher gegangen, weil ich bezweifelte, dass es um halb zehn noch zu einen "espactáculo de fuego" kommen würde. Bei dem konstanten Nieselregen durchsetzt von einen starken Regengüssen hätten die sicher kein Feuer angekriegt. Und bei mir war auch die Luft raus. Das Wetter hat schon ziemlich die Stimmung gesenkt. Das fand ich sehr schade, aber immerhin hatten wir am Samstag gutes Wetter.

1 Kommentar:

  1. Das hört sich ja echt alles toll an! Und mit soo vielen Fotos und Videos!! Klasse :-) Dabei fällt mir auf, dass ich mein Uni-Due-T-Shirt in Essen gelassen habe. Aber dafür laufe ich immer mit einer Essen-Tasche rum. Ja, ich lebe in "Comida." ;-)Wenn ich die 13 Std. mit dem Bus zu dir fahre, haben die dann - neben unserem grandiosen Treffen - auch so tolle Aktionen?

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