Donnerstag, 20. Januar 2011

Prüfungsphase

Die Klausuren begannen in Burgos am 10. Januar. Meine erste Klausur war erst am 18. und das war auch gut so, weil ich vorher so gut wie gar nichts geschafft hatte. In der Woche vor der ersten Klausur hieß es dann aber nicht lernen, sondern "mal eben noch" zwei Hausarbeiten schreiben.
Erschwert wurde die Sache noch dadurch, dass die geisteswissenschaftliche Uni-Bib hier eine Katastrophe ist. Acht Regale in Billie-Größe (oder vielleicht etwas breiter), deren Bretter nicht einmal ganz voll gestellt sind, ist alles, was man für das Fach Spanische (Literatur und Linguistik) finden kann. Dementsprechend war auch nicht die Literatur, die uns der eine Prof für die Hausarbeit angegeben hatte, verfügbar. Außerdem darf man die Bücher nur eine Woche ausleihen.
Für die Literatur-Hausarbeit zu La vida es sueño hatte ich mir deswegen schon vor Weihnachten Literatur im Internet gesucht, mir einen Artikel aus Essen von Laura einscannen lassen und sogar ein Buch in der Uni Bib gefunden (wow).
Für Linguistik bin ich dann (wie schon vorher bei der Hausarbeit für den Masterkurs) auf die Stadtbücherei ausgewichen, die gemessen an ihrer Größe erstaunlich gut mit solchen Büchern ausgestattet ist (auch wenn das System der Signaturen völlig irreführend ist und ich erst letzte Woche die Regale mit den Romanen gefunden habe).
Ich frage mich, wie die Spanier das machen. Die müssen in jedem Kurs eine Hausarbeit schreiben und zwar zusätzlich zur Klausur. Zumindest einige. Die meisten. Und die Profs sagen, das wäre so üblich in Spanien. Da frage ich mich doch, warum manche von den Erasmus-Studenten hier an der Uni bei vier oder fünf Kursen nur zwei Hausarbeiten schreiben müssen. Oder die Lisas auch nur eine oder keine. Oder warum Cristina, aus dem Amor en la Literatura-Kurs, meinte, in Valladolid, wo sie vorher war, wäre das ganz anders.
Dann meinte ein Dozent, glaube ich, dass das mit den Hausarbeiten an Bologna läge, weil man ja alles gleich machen muss. Nur in Deutschland ist das doch nicht so. Wie wäre es, wenn man sich untereinander abspricht, wie die Struktur des Studiums aussehen soll, bevor man einem Studienabschluss einfach den gleichen Namen verpasst und so tut, als wäre das gleich drin?

Aber ich habe es geschafft, die beiden Hausarbeiten zu schreiben. Sie waren zwar kürzer als gefordert, aber ich denke, das spielt keine Rolle. ML hatte mir gesagt, ich solle es so gut machen, wie ich kann, als ich ihr mein Problem (zu wenig Zeit und zu viel zu tun) schilderte und der Prof, bei dem ich die andere Hausarbeit geschrieben habe, hatte eh keine Meinung zu der Länge. Er meinte erst, 30 Seiten, was aber wohl ein Scherz war und meinte dann, wir sollten was vorschlagen...
Entgegen meines Zeitplans war ich dann sogar schon Samstagabend mit den Hausarbeiten fertig und hatte den ganzen Sonntag, den ganzen Montag und den halben Dienstag, um für die Klausur "Análisis de textos" im Masterkurs zu lernen. Die Klausur hat mir am meisten Angst gemacht. Wir hatten das ganze Semester nur zwei Themen, von denen ich eins nicht verstanden hatte. Zumindest nicht richtig. Ich habe also meine Mitschriften und die von Diana, einer Kommilitonin, zusammengefasst. Das Gute daran, wenn man etwas nicht versteht, ist, dass die Lernzettel kürzer werden. Ich habe nämlich radikal alles rausgeschmissen, was ich nicht verstanden habe. Wenn ich mich nicht mehr auf die Textlinguistik konzentrieren konnte, habe ich Lernzettel für die Klausur zu der spanischen Literatur des 17. Jahrhunderts gemacht, die Mittwochmorgen um 10 Uhr anstand.
Die Masterkurs-Klausur war dann ganz okay. Die Spanier waren alle mindestens genauso aufgeregt wie ich und wir überlegten uns Klopfzeichen, für den Fall das wir Texte identifizeren müssten (was dann natürlich nicht dran kam). Im ersten Teil mussten wir aus sieben Konzepten drei auswählen und sie erklären. Das war sehr nett, denn ich konnte mir genau die aussuchen, zu denen ich was wusste. Im zweiten Teil mussten wir einen argumentativen Text analysieren. Da habe ich es zumindest geschafft, die Argumente rauszusuchen. Sachtexte und ich verstehen uns einfach nicht so gut. Außerdem wusste ich nicht, ob "linguistische Elemente, die die Autorin verwendet, um ihre Intention zu verdeutlichen" das gleiche wie stilistische Mittel sind. Na ja, ich hoffe, wie alle im Kurs, dass es zum bestehen gereicht hat.
Was aber lustig war: Wir sind nach der Klausur in die Cafeteria gegangen, mit dem Prof, und Diana jammerte die ganze Zeit, dass sie durch beide Klausuren durchfallen würde und dass alles so schlimm wäre. Plötzlich meinte der Prof: "Wieso glaubst du eigentlich, durch beide Klausuren durchgefallen zu sein? Eine hast du schon bestanden!" Diana ist ihm mehr oder weniger um den Hals gefallen, so glücklich war sie.
Die Literaturklausur am nächsten Tag war besser. Vor allem angesichts der Tatsache, dass ich kaum Zeit hatte, zu lernen, ist sie geradezu super gelaufen. Es kamen auf jeden Fall die Fragen an, mit denen ich etwas anfangen konnte, auch wenn ich nicht wusste, wann Lope de Vega jetzt sein Werk Arte Nuevo de hacer comedias verfasst hat... Wir mussten "Autos sacramentales" definieren (das sind Theaterstücke mit einer religiösen Aussage, die an Fronleichnam aufgeführt wurden), ein Fragment Text einem Werk zuordnen (Arte nuevo von Lope) und analysieren und zum Schluss ein Gedicht interpretieren, das wir schon im Unterricht besprochen hatten.

Vor der Klausur hatte ML die Hausarbeiten eingesammelt, was aber teilweise daran scheiterte, dass einige Studenten die Arbeit nicht ausgedruckt dabei hatten. Manchmal frage ich mich, wieso die Leute immer wieder denken, damit durchzukommen, wenn schon das ganze Semester über keine Arbeit im digitalen Zustand angenommen wurde...
Hausarbeiten ist hier eh so eine Sache... Denn die Spanier haben uns (zumindest in der Licenciatura) einiges an Hintergrundwissen voraus, aber Hausarbeiten schreiben können sie nicht. Ich wäre fast vom Stuhl gefallen, als eine Studentin im Masterkurs ernsthaft fragte, ob wir eine Bibliographie anhängen müssten.
Andrerseits, was kann man erwarten, wenn die Studenten teilweise schon vor Weihnachten drei Hausarbeiten gleichzeitig schreiben müssen und nebenbei für die Klausuren lernen? Gut Ding will Eile haben. So heißt es doch? Oder war es etwa "Weile"? Es hat mich dann doch nur ein wenig verwundert, wie die Hausarbeit einer Master-Studentin aussah: Kein Blocksatz, die Überschriften hingen sonst wo und die Studentin hatte keinen einzigen wissenschaftlichen Text zitiert!!!! Außerdem fehlte die Bibliographie (obwohl sie im Inhaltsverzeichnis angegeben war), aber ich frage mich eh, was sie da drin stehen gehabt hätte, wenn sie sich eh nicht auf irgendwelche Quellen bezieht. Wahrscheinlich stand nur der Werbetext, den sie analysiert hatte drin. Ohne angeben zu wollen, aber ich würde sagen: Kein Wunder, das der Prof beim Anblick meines Inhaltsverzeichnis begeistert war...
Aber es sind nicht nur die Hausarbeiten. Auch Referate sind hier nicht so dolle. Ich will damit nicht sagen, dass die Referate in Deutschland besser sind, ich habe schon einige miese gehört die, entweder aus mangelnder Motivation oder wegen mangelndem (technischen) Wissen, schlecht sind, aber hier habe ich das Gefühl, dass die Studenten keine Erfahrung damit haben.
Bestimmt die Hälfte der Powerpointpräsis, die ich hier gesehen habe, war nur schwer lesbar, will die entsprechende Person entweder ein wildes Hintergrundbild oder eine verschnörkelte Schrift gewählt hatte oder weil sie sich dachte, um mehr Infos auf die einzelnen Folien drauf zu kriegen, macht man am besten den Text kleiner, so dass man am Ende bei Schriftgröße 9 auskommt (ich kam mir vor wie beim Augenarzt). Bei dem Hintergrund oder der Schrift lag es wahrscheinlich daran, dass sie ihre Präsi nicht so langweilig gestalten wollten. Genauso wie eine Kommilitonin aus dem Masterkurs bei der Vorstellung ihrer Hausarbeit ein Video zeigte und zwei Witze vorlas, die zwar mit dem Thema der Hausarbeit entfernt zu tun hatten, aber nicht darin vorkamen. Bei der Studentin hatte ich sowieso schon vorher mal das Gefühl, dass bei ihr alles lustig sein muss und sie die Uni deswegen nicht so ganz ernst nimmt. Der Prof hat es meistens mit Humor genommen, aber irgendwo muss ja auch die Grenze sein und er sagte ihr nach der Präsi auch, dass die Witze und das Video dran über gewesen wären.
Na ja und dann war da eine Präsi... ähm... diese Person hatte noch nicht allzu lange mit Powerpoint gearbeitet und hatte eine Präsi gebastelt (wenn sie es denn selber war, was ich bezweifele), mit der sie nicht umgehen konnte, weil sie eine Animation darin hatte, die dafür sorgte, dass ihr Text nach wenigen Sekunden wieder aus der Folie entschwebten. Die arme Referentin stand fassungslos vor der Präsentation und konnte sich nicht vorstellen, was passierte. Deswegen gehe ich auch davon aus, dass sie die Präsentation nicht selber gemacht hat. Das war allerdings eine Erasmus-Studentin und keine Spanierin.

1 Kommentar:

  1. Vielleicht sollten wir den Spaniern ein Methoden-Training anbieten? Oder einen Computerkurs? Sowas hatte ich in meiner Jugend! ;-) Übrigens ist es in Murcia ebenso wie in Burgoss was Referate und so weiter angeht. Wir müssen bloß keine Hausarbeiten schreiben - zum Glück!

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