Die Vorlesungen sind vorbei. Übermorgen schreibe ich noch eine Klausur, danach ist noch ein Essay an der Reihe und dann ist das Semester rum. Dann wird es Zeit für Burgos.
Die eine Lisa zählt bereits die Tage, die andere überlegt sich bei jeder Aktion, dass die jetzt die letzte ihrer Art vor Spanien sein könnte, wir alle sammeln letzte Unterschriften und Materialien, regeln Dinge, dir vorher noch geregelt werden müssen, kündigen Abos und Verträge, überlegen, was wir mitnehmen und von wem wir uns in welchem Ausmaß verabschieden. Und ich kriege Panik.
Das ganze Organisatorische macht mir nicht solche Angst. Es beruhigt mich ungemein, dass Papa dabei ist und mich bei der Wohnungssuche unterstützen kann. Außerdem habe ich bei der Anmeldung ja einen Voluntario "bestellt", obwohl ich immer noch nicht weiß, wie ich mit ihm oder ihr Kontakt aufnehmen kann. Auch das mit dem Learning Agreement vor Ort, das Certificate for Erasmus Grant und der ganze Papierkram... das wird schon alles klappen. Schließlich haben das Generationen von Erasmus-Studenten vor uns geschafft. Ich glaube wirklich nicht, dass man eine Wohnung braucht, bevor man da ist, oder dass es ein Weltuntergang ist, wenn man die Kurse, die man sich in Deutschland rausgesucht hat, nicht belegen kann. Das wird alles schon irgendwie. Auch die Sprache macht mir eigentlich wenig Gedanken. Ich lerne seit 5 Jahren Spanisch und sollte doch wohl in der Lage sein, mich da angemessen verständigen zu können!
Nein, worüber ich mir Gedanken mache, ist das Zwischenmenschliche. Manchmal bin ich ja sozial völlig inkompetent und kann mich furchtbar anstellen, wenn es darum geht, neue Leute kennen zu lernen. Allerdings glaube ich, dass auch das irgendwie klappen wird. Ich weiß nur nicht, ob das reicht, um zu kompensieren, dass ich meine Freundinnen, die ich hier gefunden habe, nicht mehr jeden Tag sehen kann. Das wird eine Sache sein, die weder das Internet, noch Fotos, noch die Freundschaftsmaus Lilli ersetzen können. Ja, das Ganze habe ich nach dem Abi auch durchgemacht, aber das hier ist anders. Im ersten Semester bin ich ja sooft nach Hause gefahren, dass meine Mitbewohnerinnen sich schon beschwert haben, dass ich am Wochenende gar nichts mit ihnen unternehmen könnte, weil ich immer weg sei und trotzdem hatte ich noch viel Heimweh und konnte es nach spätestens zwei Wochen kaum noch abwarten, zurück zu fahren. Inzwischen hat sich das gelegt, aber ich weiß, wenn irgendwas ist, bin ich in einer Stunde wieder zuhause.
In Spanien wird das anders. Da kann ich nicht mal eben nach Hause fahren. Am ehesten geht es noch, von Burgos nach Valladolid zu fahren (zwei bis zweieinhalb Stunden mit dem Bus), aber das ist nicht das gleiche. So sehr ich meine beiden Vallisoletanas auch mag, sie sind nicht meine Eltern (zum Glück ;-)). Und Lisa ist noch weiter weg. Weit im Süden, wohin man zu Fuß fünf Tage braucht... Vielleicht übertreibe ich auch etwas. Ich würde auch in Deutschland nicht nachts um elf den Zug nehmen, um nach Hause zu fahren, aber ich habe das Gefühl, dass ich in Spanien mehr das Gefühl haben werde, aus der Welt zu sein. Es gibt das Internet und wir werden alle eine spanische Handykarte haben, aber es wird anders sein.
Schlimm wird es sicher an meinem Geburtstag. Ich wusste 2008 schon nicht, was ich mit diesem Tag anfangen sollte, wen ich einladen sollte und überhaupt. Am Ende habe ich dann mit meinen beiden Mitbewohnerinnern und einer Nachbarin aus dem Wohnheim zusammen gesessen und es war wirklich nett. Hoffentlich habe ich dieses Jahr wieder so ein Glück. Die beiden Lisas und Charlotte wollen am Wochenende nach meinem Geburtstag kommen. Da freue ich mich auch total drauf. Aber ich weiß nicht, wie ich mich an dem Geburtstag selbst fühlen werde und überlege schon, das Ganze einfach um zwei Tage nach hinten zu verschieben und die Tatsache, dass ich schon wieder ein Jahr älter werden an dem Donnerstag einfach zu vergessen. Denn ich weiß jetzt schon, wenn an dem Tag alleine vor meinem Laptop sitze und Grüße übers Internet empfange, werde ich weinen.
Und dann ist noch die Sache, dass in Deutschland die Zeit nicht stehen bleiben wird. Wenn ich wieder komme, wird es kaum so sein, wie es war, als ich gegangen bin. Was ist, wenn Menschen sich so verändern, dass ich nur noch wenige Gemeinsamkeiten mit ihnen finde? Oder Gruppenstrukturen sich geändert haben? Was, wenn Denise sich plötzlich mit Crystal-Chantalle anfreundet? Nein, ich weiß, Denise, das wird nicht passieren! Aber trotzdem...
Ich weiß, ich habe mich bewusst dafür entschieden, dass ich ein halbes Jahr weg sein werde. Dieses Risiko bin ich willentlich eingegangen und ich will es auch nicht rückgängig machen. Ich bin mir sicher, dass es die richtige Entscheidung war, mich um einen Erasmus-Platz zu bemühen. Aber jede Sache hat zwei Seiten und im Moment mache ich mir zu viele Gedanken, als dass ich mit großer Vorfreude daran gehen kann. Natürlich freue ich mich, aber ich habe auch Angst. Lisa hat es schon ganz richtig gesagt: Alle Menschen wünschen uns viel Spaß in Spanien und tun so, als ob das eine sechs Monate lange Party würde, aber diese Menschen denken gar nicht so weit, dass wir uns auch Sorgen machen und ihren Optimismus vielleicht in dem Moment gar nicht hören wollen.
Tröstlich ist nur, dass es uns alles so geht, auch wenn wir auf einander anscheinend völlig ruhig und entspannt werden. Auf irgendeine Weise glauben wir alle, mit unseren Gefühlen alleine zu sein und dass die anderen entweder zu cool und abgeklärt sind oder ihre Bedenken auf andere Probleme projizieren, sublimieren, was auch immer und wenn wir dann darüber reden, fällt uns auf, dass es unserem Gegenüber genauso geht wie uns. Ich denke, es ist wichtig, dass wir darüber reden und gut, dass wir größtenteils gleichzeitig gehen. Auf diese Weise verkürzen wir uns nicht nur gegenseitig die Wartezeiten vor dem AAA oder dem Büro der Pardellas, sondern bauen uns auch gegenseitig wieder seelisch auf, wenn eine wieder durchdreht. Schließlich wissen wir genau, was die andere gerade durchmacht.
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hey!
AntwortenLöschenalso ja das ist alles wahr.
aber hab mal keine angst. die ersten 2 wochen waren super hart. ich hab mehr die leute vermisst die ich jeden tag gesehen habe als meine eltern, auch wenn sich das jetzt hart anhört, aber die hab ich ja eh nur alle 2 wochen gesehn, also ist das am anfang kaum ein unterschied zu deutschland. das was mir wirklich geholfen hat, obwohl ich das ja eigentlich nicht so mag, waren abends diese 2 stunden im fitnesscenter wo ihr alle im facebook ward und wir eine menge quatsch geschrieben haben... das hat mich da echt immer aufgebaut. andererseits ist das gute an erasmus dass du da leute findest mit denen du dich verstehst und es wird auf keinen fall so blöd wie bei mir bei der ersten familie. du hast ja auch noch deine wg-leute, und außerdem haben wir ja alle fijos zum telefonieren ;) wenn du ganz viel an den ersten tagen unternimmst, so viel dass du gar nicht an zu hause denken kannst dann klappt das schon, ganz sicher!
Aber wo du recht hast, ist das nach hause kommen. ich bin jetzt heute seit nem monat da, will immer noch einfach nur noch zurück weil entweder hier alles anders/komisch/blöd ist oder weil ich mich einfach zu sehr verändert habe.
Du musst das ganze als neue chance sehen. Alles was hier in deutschland war lässt du einfach zurück, da drüben kannst du komplett neu anfangen, weil keiner kennt dich, keiner weiß wie du vorher warst oder was du gemacht hast, und es gibt auch nichts keine verpflichtungen oder dinge die zu hause laufen und um die du dich kümmern könntest. dein leben fängt da quasi neu an!!!
Danke, für die Aufmunterung! :-)
AntwortenLöschenIch glaube, bei dir ist es momentan vor allem extrem ungünstig, dass wir alle Klausuren schreiben müssen und deswegen nicht so viel Zeit haben, was mit dir zu machen. Das tut mir auch Leid, aber es wird besser, sobald das hier vorbei ist.
stimmt. weil dann bin ich ja im urlaub :D
AntwortenLöschenAch stimmt, verdammt! Das ist dann aber auch keine Besserung für die Situation hier, oder? ;) Na ja, wir haben dazwischen ja knapp eine Woche Zeit. Du fährst doch "erst" am 4.
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